11 Prozent des europäischen Wärmebedarfs sollen bis 2050 durch die Nutzung von Abwärme gedeckt werden. Dieses Ziel nennt die EU-Kommission im Zusammenhang mit dem EU Electrification Action Plan und der geplanten EU Waste Heat Initiative. Abwärme wird somit zu einem wichtigen Bestandteil für Europas Wärmewende.

Abwärme fällt überall dort an, wo produziert, gekühlt oder Energie umgewandelt wird: in Industrie und Gewerbe, in Rechenzentren, Klärwerken, Lüftungsanlagen, Kühlprozessen oder auch im kommunalen Abwasser. Großwärmepumpen können die Abwärme aufnehmen und auf ein höheres Temperaturniveau bringen – für die Nutzung in Unternehmen, Quartieren oder kommunalen Wärmenetzen.
Für Unternehmen kann das doppelt interessant sein. Wer Abwärme nutzt, senkt den zusätzlichen Energiebedarf und kann Betriebskosten reduzieren. Gleichzeitig werden weniger fossile Energieträger benötigt, was die Emissionen reduziert und die Wärmeversorgung resilienter macht. In Anbetracht der derzeigen ETS-Revision der EU-Kommision wird letzteres besonders relevant.
Deutschland: 205 Terawattstunden gemeldetes Abwärmepotenzial
Die Plattform für Abwärme der Bundesstelle für Energieeffizienz (BfEE) beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) schafft erstmals eine Übersicht zu gewerblichen Abwärmepotenzialen. Unternehmen mit einem durchschnittlichen Gesamtendenergieverbrauch von mehr als 2,5 Gigawattstunden pro Jahr müssen Informationen zu anfallender Abwärme melden.

Nach Angaben der Plattform für Abwärme umfassten die öffentlichen Meldungen bis zum 13. April 2026 mehr als 3.000 Firmen und über 24.000 Abwärmepotenziale mit einer jährlichen Abwärmemenge von insgesamt 205 Terawattstunden.
Für Kommunen und Wärmenetzbetreiber ist diese Transparenz wichtig. Denn Abwärme lässt sich vor allem dann gut nutzen, wenn Wärmequelle und Wärmesenke regional und zeitlich zusammenpassen. Zum Beispiel ein Industrie- oder Gewerbestandort in der Nähe eines Wärmenetzes, eines Quartiers oder eines größeren Gebäudekomplexes.
Das Forschungsprojekt Abwärmeatlas liefert zusätzliche Einblicke. In einer Befragung von Unternehmen energieintensiver Branchen nutzten etwa 54 Prozent bereits Abwärme. Jedoch fehlten vielen Unternehmen konkrete Daten über ihre eigenen Energiekosten und die entstehende Abwärme. 86 Prozent gaben an, ihre jährliche Abwärmemenge nicht abschätzen zu können. So bleibt das schlummernde Potenzial oft unerkannt und die Abwärme ungenutzt.
Praxisbeispiele: Wie Abwärme ins Wärmenetz kommt
Wie Abwärmenutzung mit Wärmepumpen konkret aussehen kann, zeigen verschiedene Projekte in Berlin. Am Potsdamer Platz nutzt eine Hochtemperaturwärmepumpe Abwärme aus dem Kältekreislauf als Wärmequelle und hebt sie auf bis zu 120 Grad Celsius an. Die Anlage erzeugt nach Angaben von Berliner Energie und Wärme (BEW) jährlich 55 Gigawattstunden Wärme.
Auch Abwasser kann zur Wärmequelle werden. Ein Wärmeübertrager entzieht dafür dem Abwasser Energie, anschließend hebt eine Wärmepumpe die Temperatur auf ein nutzbares Niveau. Die Berliner Wasserbetriebe schätzt das Gesamtpotenzial an Abwasserwärme in Berlin auf 100 bis 270 Megawatt Entzugsleistung. Langfristig könne Abwasserwärme – abhängig von der Reduktion des Wärmeverbrauchs – bis zu 5 Prozent des Berliner Wärmebedarfs decken.
Ein weiteres Beispiel für die Nutzung von Abwasserwärme ist das Klärwerk Ruhleben. Dort soll zukünftig ein Teil des geklärten Abwassers über eine Rohrleitung zu Abwasserwärmepumpen geführt werden, um klimaneutrale Fernwärme für 45.000 Haushalte bereitzustellen. Die geplante thermische Leistung liegt bei rund 75 Megawatt. Die Inbetriebnahme ist für 2027 vorgesehen.
Europaweit: Urbanes Abwärmepotenzial von 340 Terawattstunden
Auch auf europäischer Ebene ist das Potenzial erheblich. Das EU-Projekt ReUseHeat bezifferte das rückgewinnbare urbane Abwärmepotenzial allein aus Rechenzentren, U-Bahn-Stationen, Dienstleistungsgebäuden und Kläranlagen auf rund 340 Terawattstunden pro Jahr. Das entspricht bereits mehr als 10 Prozent des gesamten EU-Energiebedarfs für Raumwärme und Warmwasser, der bei schätzungsweise 2.980 Terrawattstunden pro Jahr liegt.
Quellen
- Berliner Wasserbetriebe: Heizen und Kühlen mit Abwasser
- BEW Berliner Energie und Wärme: Abwärme und Großwärmepumpen: Wärmequellen nutzen
- Bundesstelle für Energieeffizienz / Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle: Plattform für Abwärme
- Bundesverband Wärmepumpe: Abwärme nutzen – mit Wärmepumpen zur Energieeffizienz
- CORDIS / European Commission: ReUseHeat quantified EU28 urban waste heat potential
- energieforschung.de: Abwärmeatlas: Wo die ungenutzte Wärmeenergie der deutschen Industrie schlummert
- energieforschung.de: Abwärme – Industrie-Abwärme effizient nutzen
- European Heat Pump Association: Electrification Action Plan has heat pumps at its heart

