Die Elektrifizierungsoffensive der EU Kommission für Industrie, Wärme und Verkehr wird immer deutlicher. Elektrifizierung wird zunehmend mit Energiesicherheit zusammengedacht. Ein neuer IEA-Sonderbericht liefert dafür die Datenbasis und macht deutlich, warum Deutschland Strompreis, Netze, Digitalisierung und CO2-Bepreisung als gemeinsame Modernisierungsaufgabe behandeln sollte. Elektrifizierung wird zunehmend mit Energiesicherheit in Verbindung gebracht.
Von der Krise hin zur strukturellen Antwort
Europa erlebt in diesem Jahrzehnt bereits den zweiten größeren Schock bei der Energieversorgung. Nach der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine haben die Eskalationen im Nahen Osten erneut Preise und Lieferwege für fossile Energien unter Druck gesetzt. Die unmittelbare, fast schon klassische europäische Reaktion ist bekanntlich eine koordinierte Vorsorge, zeitlich begrenzte Hilfen und den Schutz besonders betroffener Verbraucher und Unternehmen.
Doch es gibt auch die strategische Antwort auf die Energiekrisen. Mit AccelerateEU verbindet die Europäische Kommission Krisenhilfe ausdrücklich mit dem schnelleren Umstieg auf heimische, saubere Energie und der Elektrifizierung von Industrie, Gebäuden und Verkehr. Energiesicherheit wird nicht mehr nur als Frage verstanden, woher Öl und Gas bezogen werden. Ebenso entscheidend ist, wie sich der Bedarf an importierten Brennstoffen dauerhaft verringern lässt. Es geht also um Strom aus einem zunehmend erneuerbaren, europäisch vernetzten System. Dieser soll dabei in immer mehr Anwendungen fossile Energien ersetzen. So wird Elektrifizierung zur Industrie-, Wettbewerbs-, Klima- und Sicherheitspolitik zugleich.
Das wirtschaftliche Potenzial
Der neue Sonderbericht der Internationalen Energieagentur zeigt auf, wie groß das wirtchaftliche Potenzial bereits mit heute verfügbaren Technologien ist. Weltweit deckt Strom derzeit rund 23 Prozent des Endenergieverbrauchs. Auf Basis der Technologiepreise, Energiepreise und Finanzierungsbedingungen von 2025 wäre es laut IEA schon heute wirtschaftlich, diesen Anteil auf etwa 33 Prozent zu erhöhen. Das Ziel von 35 Prozent bis 2035, das die IEA in ihrem High Electrification Scenario untersucht, wäre also in greifbarer Nähe. Jedoch ist dieses Szenario nur dann machbar wenn wir von einer beschleunigten Elektrifizierung ausgehen. Die Signale aus Brüssel deuten darauf hin, aber was die einzelnen Mitgliedsstaaten daraus machen ist entscheidend.
So schaut der Bericht auch auf Europa und kommt zu spannenden Ergebnissen. Würde das heute wirtschaftliche Potenzial voll genutzt, könnte der Elektrifizierungsanteil hier um fast 15 Prozentpunkte steigen. In Gebäuden sieht die IEA weltweit etwa die Hälfte des Bedarfs an Raumwärme als wettbewerbsfähig elektrifizierbar. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und China sind Wärmepumpen nach ihrer Analyse bereits in rund drei Vierteln der betrachteten Heizungsmärkte wettbewerbsfähig.
Vorsorge gegen fossile Preisschocks
Die IEA quantifiziert auch die möglichen Sicherheitsgewinne in Ihrem Bericht. Im High Electrification Scenario vermeiden die importierenden Länder bis 2035 gegenüber 2025 jährlich Importe von 15 Millionen Barrel Öl pro Tag und 120 Milliarden Kubikmetern Erdgas. Bei Importpreisen des Jahres 2025 sinken ihre Brennstoffrechnungen um rund 400 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Elektrifizierung ersetzt also die dauerhafte Beschaffung fossiler Brennstoffe durch Investitionen in Anlagen, Netze, Erzeugung und Flexibilität.

