Seit mehr als einem halben Jahrhundert gibt es gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über den menschengemachten Klimawandel. Trotzdem reagiert die Politik sehr zögerlich – woran liegt das? Wissenschaftsphilosophin Anna Leuschner beleuchtet im Deutschlandfunk Nova Podcast, mit welchen Strategien Lobbyisten den Klimaschutz verhindern.
Die Wissenschaft sammelt seit dem 20. Jahrhundert systematisch Daten, die den Anstieg der CO2-Konzentartion in der Erdatmosphäre dokumentieren, wie zum Beispiel die Keeling-Kurve, die auch erstmals einen Zusammenhang mit der Verbrennung fossiler Brennstoffe herstellte. Im Jahr 1988 wurde schließlich das International Panel on Climate Change (IPCC) durch die Vereinten Nationen gegründet.
„Bereits 1992 bestand ein internationaler Konsens darüber, dass die globale Erwärmung stattfindet, dass sie menschengemacht ist und mit erheblichen Risiken einhergeht und dass sie deshalb internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit und politische Koordination erfordert.“
Anna Leuschner
Das Problem rückte auch zunehmend in das öffentliche Bewusstsein. Auch und gerade in demokratischen Gesellschaften seien die Reaktionen jedoch sehr zögerlich ausgefallen, kritisiert Leuschner. Verschiedene Wissenschaftler sprechen sogar von der „Tragödie der Klimawissenschaften“: Die Wissenschaft liefert Belege und Erkenntnisse über den Klimawandel, doch in der Politik ändert sich nichts. Diese Spannung zwischen wissenschaftlichen Befunden und dem Willen der Politik, danach zu handeln, entlädt sich laut Leuschner auf verschiedene Weise. In Form von sozialem Protest, wie der Fridays For Future Bewegung, aber auch in der Gerichtsbarkeit durch Klimaklagen.

Warum ist das politische Handeln so zögerlich?
Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum die Politik trotz der Dringlichkeit des Klimawandels zögerlich handelt. Darunter fallen politische, soziale und psychologische Gründe – aber auch maßgeblich der Einfluss von Lobbygruppen. Seit mehr als 15 Jahren gibt es verlässliche Belege, dass industrielle und politische Interessensgruppen gezielt Zweifel an unliebsamen wissenschaftlichen Erkenntnissen gestreut haben, um politische Regulierung zu verhindern. Das betraf zu Beginn vor allem Umwelt- und Gesundheitswissenschaften, zum Beispiel zur Wirkung und Gefährlichkeit von Chemikalien oder Tabakprodukten. Das gleiche Phänomen findet sich jedoch auch bei Klimawissenschaften, so Leuschner.
Welche Strategien verhindern den Klimaschutz?
Leuschner nennt fünf zentrale Hauptstrategien von industriellen und politischen Lobbygruppen: Die Überbetonung der Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse; die Gründung industriefreundlicher, pseudowissenschaftlicher Institute zur Erzeugung vermeintlicher wissenschaftlicher Kontroversen (Pseudodissens); der Einsatz von Pseudoexperten in den Medien; die Instrumentalisierung der Medien, um den Eindruck zu erwecken, beide Seiten der vermeintlichen wissenschaftlichen Kontroverse hätten gleich viele Unterstützer; sowie letztlich die Bedrohung und Diffamierung unliebsamer Wissenschaftler.
Neue Lobby-Strategie: Ablenkung statt Leugnung
Leugnung als Strategie funktioniert nicht mehr gut, betont Leuschner. Dafür sind die Folgen des Klimawandels global zu unmittelbar spürbar und omnipräsent – in Deutschland zuletzt durch die neuen Hitzerekorde im Juni 2026. In bestimmten Kreisen findet ein Herabspielen immer noch statt, wird aber zunehmend durch andere Strategien überlagert und abgelöst: Geleugnet wird nicht mehr der Klimawandel an sich, sondern die Erforderlichkeit politischer und industrieller Maßnahmen.

Das funktioniert zum Beispiel durch die Umwälzung von Verantwortung. Die individuelle Verantwortung wird überbetont, wie durch den popularisierten CO2-Fußabdruck, um von industrieller und politischer Verantwortung abzulenken. Zudem werden technologische Lösungen vorgeschoben, um ein „business as usual“ zu legitimieren: Statt den CO2-Ausstoß zu senken, wird zum Beispiel auf Carbon Capture and Storage (CCS) gesetzt. Zuletzt werden auch die Kosten von Klimaschutzmaßnahmen vorgeschoben, sowie Hoffnungslosigkeit und Fatalismus verbreitet, um die Handlungsbereitschaft in der Gesellschaft zu untergraben.
Welche Auswirkungen diese Strategien auf die Gesellschaft und die Wissenschaft haben, und warum vor diesem Hintergrund auch das IPCC scharf kritisiert wird, erfahrt ihr in der Podcast-Folge!

