Das wirtschaftliche Verhältnis zwischen Deutschland und China hat sich grundlegend verändert. Lange stand Deutschland für Maschinen, Fahrzeuge und hochwertige Technologien, China für einen schnell wachsenden Markt und günstige Produktionsbedingungen. Dieses Modell trägt nicht mehr: Seit 2021 ist das deutsche Defizit im Warenhandelsbilanzsaldo mit China deutlich gestiegen. Gibt es einen China-Schock 2.0?

China wird weltweit nicht mehr nur als Produktionsstandort und Absatzmarkt gesehen. In mehreren industriellen Zukunftsfeldern entwickelt sich das Land selbst zum Technologieführer, etwa bei Elektromobilität und Batterien, Maschinenbau und Automatisierung, Photovoltaik, Speichern und weiteren Umwelttechnologien. Damit entsteht gerade dort direkter Wettbewerb, wo deutsche Unternehmen traditionell stark waren: nicht nur auf dem chinesischen Markt, sondern auch in Europa und auf vielen weiteren Auslandsmärkten.
In der deutschen Debatte ist deshalb zunehmend von einem „China-Schock 2.0“ die Rede. Gemeint ist nicht nur die steigende Menge günstiger Importe, sondern eine neue Qualität des Wettbewerbs: chinesische Unternehmen verbinden wettbewerbsfähige Preise mit hoher Qualität, kurzen Entwicklungszeiten und wachsender technologischer Leistungsfähigkeit. Das Mercator Institute for China Studies (MERICS) sieht vor allem die deutsche Automobilindustrie, den Maschinenbau und die Klimatechnik, also Clean-Tech, unter Druck.
Wärmepumpen sind Teil der europäischen Clean-Tech-Industrie. Sie stehen damit an einer Schnittstelle, an der Klimapolitik, Elektrifizierung, industrielle Wertschöpfung und geopolitischer Wettbewerb unmittelbar zusammenkommen.
Wettbewerbsnachteile sind nicht allein ein deutsches Kostenproblem
Deutschland muss seine Standortprobleme angehen: hohe Energiepreise, langwierige Genehmigungsverfahren, geringe Investitionsdynamik und langsame politische Entscheidungen schwächen die Industrie. Bernhard Bartsch (MERICS) und Jürgen Matthes (Leiter Internationale Wirtschaftspolitik, IW Köln) betonten in einem Webinar der Süddeutschen Zeitung jedoch, dass selbst erfolgreiche Reformen die Wettbewerbsverzerrungen im Verhältnis zu China nicht vollständig ausgleichen könnten. Auch der neue IW-Kurzbericht stützt diese Einschätzung.
Der IW-Kurzbericht zeigt, dass deutsche Industrieprodukte zwischen Anfang 2020 und Anfang 2026 gegenüber chinesischen Industriewaren in einheitlicher Währung um rund 40 Prozent teurer geworden sind. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich laut Bericht auch in anderen europäischen Industrieländern beobachten. Das Problem ist damit nicht allein eine spezifische deutsche Schwäche. Ein zentraler Grund liegt in der außergewöhnlichen Preisentwicklung auf chinesischer Seite.
Laut IW-Analyse sind die relativen Exportpreise Chinas zwischen 2019 und 2025 um rund 15 Prozent gesunken, seit 2022 sogar um rund 19 Prozent. Gleichzeitig hat der Yuan gegenüber dem Euro nicht entsprechend aufgewertet. Das IW verweist auf Schätzungen, nach denen die chinesische Währung um bis zu 30 Prozent unterbewertet sein könnte.
Hinzu kommen umfangreiche staatliche Unterstützungen. Nach den vom IW herangezogenen OECD-Daten könnten rund 60 Prozent der chinesischen Weltmarktanteilsgewinne zwischen 2005 und 2023 auf die dort erfassten Subventionen zurückgehen. Nicht vollständig erfasste Förderungen und der Wechselkurseffekt kommen zusätzlich hinzu. Damit entsteht ein Preisvorteil, der sich nicht allein mit höherer Produktivität oder besseren Unternehmensentscheidungen erklären lässt.
Der Unterschied ist entscheidend: Deutschland braucht mehr Innovation, schnellere Verfahren und wettbewerbsfähige Energiepreise. Gleichzeitig muss Europa auf Marktverzerrungen reagieren, die sich durch nationale Reformen allein nicht beheben lassen.
Wie groß ist Chinas Beitrag zur deutschen Deindustrialisierung?
Eindeutige Ergebnisse gibt es nicht. Wenn man den Zeitraum zwischen 2019 und 2025 betrachtet, sank die Zahl der Erwerbstätigen im deutschen verarbeitenden Gewerbe laut IW um rund 520.000. Wie viele dieser Arbeitsplatzverluste unmittelbar auf die chinesische Konkurrenz zurückzuführen sind, lässt sich nicht genau bestimmen.
Das IW kommt in einer überschlägigen Modellrechnung auf rund 400.000 china-bezogene Arbeitsplatzverluste. Diese Zahl ist keine exakte Messung, sondern beruht auf Annahmen zu Exportmarktanteilen, Wertschöpfung und Beschäftigung. Trotz dieser Unsicherheit ist die qualitative Schlussfolgerung deutlich: Ein wesentlicher Teil der industriellen Arbeitsplatzverluste dürfte mit dem steigenden chinesischen Wettbewerbsdruck zusammenhängen.
Auch die Handelsentwicklung zwischen Deutschland und China weist in diese Richtung. Nach dem MERICS-Bericht sanken die deutschen Exporte nach China 2025 um 9,7 Prozent, während die Importe aus China um 8,8 Prozent zunahmen. Daraus lässt sich ableiten: China benötigt deutsche Technologie und Industrieprodukte nicht mehr in demselben Umfang wie früher. Gleichzeitig gewinnt das Land auf dem deutschen, europäischen und globalen Markt an Bedeutung.
Chinas eigene wirtschaftliche Probleme könnten den Exportdruck weiter erhöhen
Im SZ-Webinar beschrieb Bernhard Bartsch eine chinesische Wirtschaft, die zwar nicht vor einer unmittelbaren Krise steht, aber unter wachsendem Stress leidet. Der schwache Immobiliensektor belastet das Wachstum. Wohnungen verlieren als zentrale Geldanlage vieler Haushalte an Wert. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt. Hinzu kommt, dass viele chinesische Unternehmen in einem harten Preiswettbewerb zueinanderstehen.
Das führt China in ein Problemfeld, welches direkt mit dem Export zu tun hat. Eine schwache Binnennachfrage und industrielle Überkapazitäten erhöhen den Anreiz, Produkte auf ausländischen Märkten abzusetzen. Nach Einschätzung von Mayer-Kuckuk (SZ-Dossier), Bartsch und Matthes wird China deshalb verstärkt nach Europa und in die Länder des globalen Südens exportieren.
Der steigende Exportdruck ist damit nicht nur eine Begleiterscheinung des chinesischen Wachstumsmodells, sondern auch ein Instrument seiner Stabilisierung. Bartsch betonte, Europa müsse China besser verstehen: Aus chinesischer Sicht sind hohe deutsche Energie- und Produktionskosten zunächst ein europäisches Problem. Appelle an Peking, freiwillig auf Wettbewerbsvorteile zu verzichten, dürften daher wenig bewirken.
Bartsch erklärte, dass China eher auf konkreten Druck reagiere als auf moralische Appelle. Gleichzeitig setze die chinesische Führung darauf, wirtschaftliche und politische Belastungen länger aushalten zu können als die EU.
Verwendete Quellen:
-MERICS: Fragmented Europe: Dealing with China as a technology and innovation power
-Gesprächsnotizen zum SZ-Dossier-Webinar: Exportschock: Wie kann Europa gegenüber China Wirkung erzielen?

