BWP Aktuell: China-Schock 2.0 – unfairer Wettbewerbsdruck für Deutschland? (Teil 2)

Der erste Teil „China-Schock 2.0 – unfairer Wettbewerbsdruck für Deutschland?“ hat gezeigt, wie grundlegend sich das wirtschaftliche Verhältnis zwischen Deutschland und China verändert hat und wie stark der Wettbewerbsdruck auf die deutsche und europäische Industrie wächst. Teil 2 richtet den Blick auf mögliche Antworten. Zum ersten Teil geht es hier.

Das Verhältnis zwischen China und der europäischen Wärmepumpenindustrie

Die Ausgangslage der Wärmepumpenbranche unterscheidet sich von der Photovoltaikindustrie. Europa verfügt weiterhin über eine starke industrielle Basis. Nach Angaben der EHPA werden insbesondere hochwertige Komponenten sowie wesentliche Teile von Luft-Wasser-Wärmepumpen noch hauptsächlich in Europa gefertigt oder montiert. Gleichzeitig ist die Lieferkette international und umfasst auch Komponenten aus China. 

Diese Verflechtung ist wirtschaftlich nicht per se problematisch. Internationale Lieferketten können Kosten senken, Innovation beschleunigen und die Verfügbarkeit von Produkten verbessern. Kritisch wird es, wenn daraus strategische Abhängigkeiten entstehen oder europäische Hersteller durch staatlich gestützte Überkapazitäten aus dem Markt gedrängt werden. 

Die Erfahrungen aus der Solar-, Batterie- und Automobilindustrie zeigen, wie schnell sich solche Verschiebungen vollziehen können. MERICS beschreibt für Umwelttechnologien ein grundsätzliches Dilemma: Deutsche Unternehmen wollen von Chinas hoher Innovationsgeschwindigkeit profitieren, müssen aber zugleich mit chinesischen Anbietern konkurrieren. 

Europäische Wärmepumpenhersteller sollten deshalb frühzeitig klären, welche Komponenten, Technologien und Produktionskapazitäten für Europas Versorgungssicherheit und industrielle Handlungsfähigkeit unverzichtbar sind. 


Zusammenarbeit mit China: Paul Kennys (EHPA) Ansatz

EHPA-Generaldirektor Paul Kenny hat sich auf einem chinesischen Wärmepumpenforum am 29.07.2026 für eine weitere Zusammenarbeit zwischen chinesischen und europäischen Unternehmen ausgesprochen. Chinesische Hersteller sollten lokale Kompetenzen aufbauen, Menschen in Europa beschäftigen und einen erkennbaren Mehrwert für den europäischen Markt schaffen. Dadurch könnten beide Seiten profitieren und international funktionierende Lieferketten erhalten bleiben. 

Das ist ein nachvollziehbarer Ansatz: Ein vollständiges Abkoppeln von China wäre kurzfristig weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Europa kann von chinesischer Innovationsgeschwindigkeit profitieren. Gleichzeitig können chinesische Investitionen unter klaren Voraussetzungen Produktion und Beschäftigung in Europa stärken. 

Die zentrale Frage lautet daher: Unter welchen Bedingungen findet diese Zusammenarbeit statt? 

Die beiden Studien von MERICS und IW zeigen, dass wirtschaftliche Kooperation mit China nicht automatisch symmetrisch verläuft. China hat aus ausländischem Know-how, Technologietransfer, staatlicher Förderung und dem Zugang zu westlichen Märkten eine leistungsfähige eigene Industrie aufgebaut. Gleichzeitig verfolgt die chinesische Politik das Ziel, in strategischen Bereichen unabhängiger von ausländischen Anbietern zu werden und heimische Produkte bei der Beschaffung zu bevorzugen. 

Deshalb reicht es nicht, nur auf gegenseitige Vorteile und lokale Beschäftigung zu verweisen. Ein Werk in Europa kann Arbeitsplätze schaffen, ohne dass Forschung, Zulieferung, Entscheidungsstrukturen oder technologische Kompetenzen dauerhaft in Europa verankert werden. Auch europäische Endmontage bedeutet nicht automatisch europäische industrielle Souveränität. 

Kennys Kooperationsangebot ist deshalb nur tragfähig, wenn es durch klare industriepolitische Leitplanken ergänzt wird. Dazu gehören nachprüfbare lokale Wertschöpfung, fairer Marktzugang, Schutz geistigen Eigentums, Transparenz staatlicher Förderung und eine Begrenzung kritischer Abhängigkeiten. Der vorgeschlagene europäische Industrial Accelerator Act zielt in diese Richtung. Das Gesetzgebungsverfahren ist allerdings noch nicht abgeschlossen; ein Inkrafttreten wäre frühestens 2027 möglich. 


Welchen Handlungsspielraum gibt es?

Die deutsche Wirtschaft kann ihre Wettbewerbsfähigkeit vor allem durch niedrigere Energiekosten, verlässliche Förderbedingungen und bessere Investitionsanreize stärken. Für die Wärmepumpenbranche zählt dabei beides: wettbewerbsfähige Produktion und eine verlässliche Nachfrage. Industrielle Kapazitäten können nur gehalten und weiterentwickelt werden, wenn der heimische Markt planbar wächst. 

Handelspolitische Antworten sollten europäisch abgestimmt sein. Einzelne nationale China-Strategien schwächen die Verhandlungsposition. Im Webinar wurde zu Recht kritisiert, dass europäische Regierungschefs häufig getrennt und mit nationalen Wirtschaftsdelegationen auftreten. Gegenüber einer strategisch handelnden chinesischen Führung braucht Europa gemeinsame Positionen. 

Wettbewerbsverzerrungen sollten gezielt ausgeglichen werden. Jürgen Matthes plädierte im Webinar für sektorbezogene Ausgleichszölle, die regelmäßig an die nachweisbare Subventionswirkung angepasst werden. Solche Instrumente wären keine pauschale Abschottung, sondern könnten fairere Wettbewerbsbedingungen schaffen und der europäischen Industrie Zeit für Investitionen und Innovation verschaffen. 

Auch chinesische Investitionen müssen an messbaren Kriterien bewertet werden. Entscheidend sind nicht allein die investierte Summe oder die Zahl angekündigter Arbeitsplätze. Geprüft werden muss, welche Wertschöpfung tatsächlich in Europa entsteht, welche europäischen Zulieferer beteiligt werden und wie Forschung, Daten und kritische Infrastruktur geschützt werden können. 

Abhängigkeiten müssen systematisch reduziert werden. Das betrifft kritische Rohstoffe ebenso wie zentrale Komponenten und Produktionsverfahren. Vollständige Autarkie ist weder erreichbar noch erforderlich. Lieferketten sollten jedoch so diversifiziert werden, dass einzelne chinesische Exportbeschränkungen nicht ganze europäische Industrien unter Druck setzen können.


Kooperation braucht europäische Stärke

Deutschland und Europa stehen nicht vor der Wahl zwischen uneingeschränkter Zusammenarbeit und vollständiger Abschottung. Notwendig ist eine abgestufte Strategie: Kooperation dort, wo sie nachweislich gegenseitigen Nutzen bringt, und Schutzmaßnahmen dort, wo industrielle Kernkompetenzen, Versorgungssicherheit oder fairer Wettbewerb gefährdet sind. 

Der europäische Absatzmarkt bleibt für chinesische Hersteller wichtig. Das verschafft Brüssel einen politischen Hebel, den Europa in Verhandlungen mit China gemeinsam nutzen sollte. 


Verwendete Quellen:

-MERICS: Fragmented Europe: Dealing with China as a technology and innovation power

-IW: IW-Kurzbericht 43/2026 von Jürgen Matthes: Chinas Beitrag zur De-Industrialisierung – eine grobe Abschätzung

-Gesprächsnotizen zum SZ-Dossier-Webinar: Exportschock: Wie kann Europa gegenüber China Wirkung erzielen?

EHPA-Meldung zu Paul Kennys Rede auf dem chinesischen Wärmepumpenforum.

-Pressemitteilung EHPA: Europe’s heat pumps are mainly ‘made in Europe